Bitte locker lassen

Veröffentlicht: 16. Dezember 2008 in Allgemeines
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Ich habe heute eine neue Patientin mit einer Schultergelenksproblematik behandeln müssen.

Auf dem Rezept stand Manuelle Therapie.

Nach einem eingehenden Physiotherapeutischem Befund hatte sie einen Painful arc. Ein sogenannter Schmerzhaften Bogen, der auf eine Kompressionssymptomatik im Schulterdach hindeutet. Das heißt für alle Nichtmediziner, Sie hat Schmerzen wenn der Oberarm seitlich weggehoben wird, weil bei dieser Bewegung Strukturen wie z.B.: die Supraspinatussehne oder die Schleimbeutel bei der Bewegung komprimiert werden.

Also entschied ich mich in der ersten Probebehandlung für eine Traktion, dass heißt ich entferne beide Gelenkpartner voneinander um dem Körper den Impuls zu geben er soll doch dort oben mal für etwas mehr Freiraum sorgen. Außerdem ist dies eine Anregung für die Membrana synovialis welche die Gelenkschmiere herstellt und wirkt außerdem schmerzlindernd, weil die Komprimierten Strukturen entlastet werden.

Ich versuche nun den Arm hochzuheben, aber das funktionierte nicht.

Daraufhin sagte ich:

Lassen Sie bitte ganz locker, ich werde nichts machen was Ihnen weh tut. Versprochen!

Danach ging es etwas besser, aber sie hatte immer noch den Arm hochgehalten, obwohl Sie diesen in meinen Arm ja ablegen sollte, damit sich die Muskulatur entspannt und ich loslegen kann.

Keine Chance, sie hat es nicht geschafft den Arm vollständig abzulegen.

Daraufhin sagte ich immer und immer wieder:

Es ist immens wichtig, dass Sie den Arm vollständig locker lassen, da ich ansonsten nicht arbeiten kann.

Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen:

Sie hält den Arm OBEN, ich habe Ihn nicht in der Hand und frage Sie ob sie gerade den Arm locker lässt. Daraufhin folgende Antwort:

JA ICH MACHE DOCH GAR NICHTS!! Sehen Sie?? Ich weiß nicht wie ich meinen Arm entspannen kann. Mache ich doch gerade…oder??

Solche Erlebnisse habe ich mindestens 1 mal am Tag. Kann mir mal jemand erklären warum das so ist??

Wenn ich meinen Arm (oder was auch immer) locker lasse, dann fällt der wie ein Sack zu Boden. Das ist doch nicht so schwer oder doch??

Und warum sagen mir meine Patienten, dass Sie doch locker lassen obwohl sie die betroffene Extremität HOCHHALTEN?? Und das sehen die doch….ich kann das nicht verstehen. Bitte helft mir!

Ich kann das irgendwie nicht so recht glauben, dass das Phänomen daher kommt das man ständig unter Anspannung und Streß steht. Ich meine man sieht doch das der Arm oben gehalten wird, und somit NICHT LOCKER ist?? Oder??

Ich habe mit Ihr dann 5 Minuten geredet, warum das locker lassen für Sie so wichtig ist. Sie hat es eingesehen.

Aber meine geplante Traktion im Schultergelenk konnte ich vergessen. Ich habe den Arm die restliche Zeit genommen um Ihn passiv (so gut es ging, denn auch hier muss man locker lassen!) zu bewegen und damit das Gate Control System zu beeinflussen (Man kann damit Schmerzen „überlagern“, weil die Bewegungsimpulse einen stärkeren Einfluss haben als die Schmerzimpulse.)

Aber bitte…warum ist das so??

Gruß:

Physioblogger

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Kommentare
  1. Manche kriegst du über die Atmung zum locker Lassen… ist aber nicht ganz einfach zu vermitteln…

  2. Kai sagt:

    Hallo,

    das nicht so schwer zu erklären:

    Wenn man über einen längeren Zeitraum Schmerzen hat, dann geht der Körper relfexartig in eine Schutzhaltung. Ab einem bestimmten Zeitraum, der bei Jedem Menschen individuell unterschiedlich anzusiedeln ist, findet da ein Lernprozess in Form von Prägung/Programmierung des Körpers statt. Dieser Lernprozess gilt vom Körper irgendwann als abgeschlossen, weil durch den Zeitraum in dem man diese unnatürliche Haltung innehat dann psychisch als die gewohnte „gesunde“ entspannte Körperhaltung betrachtet wird.

    Das diese gewohnte Haltung nicht wirklich entspannt ist und tatsächlich eine angespannte Haltung ist hat sich der Körper „bewusst“ so beigebracht, da der Mensch ansonsten nicht nehr „funktionsfähig“, Handlungsfähig ist. Diese Person hat sich also selbst unterbewusst gelehrt: Dieses sind meine neuen Betrachtungsrichtlinien, wenn ich mich daran nicht halte, dann habe ich Schmerzen und kann mein Leben nicht leben und muss mich dauernd mit den Schmerzen, an denen ich nichts ändern kann (Lernerfahrung durch die Zeit), durchgehend auseinandersetzen.

    Deine Aufgabe als Physiotherapeut ist es diesen Lernprozess umzukehren indem Du den Menschen, den Du behandelst, durch die „Blume“ beibringst, daß er diese Lernerfahrung, wie er mit dem Schmerzenden Arm leben kann, entwertet und wieder die alten Richtlinien Gültigkeit haben.

    Kurz: Du hast die Aufgabe dem „Kranken“ dessen psychisches Gerüst, dass er sich durch die Krnakheit gezimmert hat um sich zu stabiliseren, zu entreissen, um dann erst, wie in diesem Fall, mit der Behandlung beginnen zu können.

    Ein einfaches Beispiel bei dem das Gleiche Prinzip stattfindet kann ich Dir liefern um es Dir zu verdeutlichen:

    Ich hatte mal im unteren Lendenwirbelbereich übergang zum Kreuzbein eine Art Bandscheibenvorfall, wodurch ich dauerhaft „dumpfe“ Schmerzen hatte. Da ich selber Physiotherapeut bin habe ich konservativ selber alle möglichen Dinge getan um mir Linderung zu verschaffen. Das hat auch sehr gut funktioniert. Irgendwann war ich dann mal krank und habe beiläufig meinem Hausarzt gesagt: „Ach ja, ich habe mal vor 9 Monaten ein Klavier halten müssen, weil der Mann der bei der Treppe nach unten stand gestürzt ist und er ansonsten vom Klavier erschlagen worden wäre. Seitdem habe ich in immerwiederkehrenden Abständen dumpfe Schmerzen, die ich zwar halbwegs in den Griff bekomme, aber auch wenn ich Physiotherpeut bin, kann man sich selbst schlecht da massieren und gleichzeitig locker lassen. Wie schauts denn aus mit Verschreibung von Massagen?“

    Hatse gemacht. Ich war damals zwar halbwegs schmerzfrei und zugegeben: ich empfand es nicht als notwendig, aber man kanns ja mal versuchen. Der Physiotherpeut legte mcih in den Schlingentisch und ich stellte erstaunt fest: Ich WAR gar nicht schmerzfrei. NACH der Behandlung war ich schmerzfrei. Du kannst Dir sicherlich vorstellen wie groß mein Staunen damals war. Mein Körper hat also diese dumpfen Schmerzen als „normal hingenommen und ich habe die „ausgeblendet“, damit ich mein Leben leben kann.

    DIESE Prägung und diese Lernerfahrung muss umgekehrt werden.

    So nun ist die Frage: Hast Du meine Erklärung nachvollziehen können? Oder muss ich versuchen ausführlicher zu werden?

    Liebe Grüße

    Kai

  3. @equilibriste:
    Okay…ist eine Möglichkeit….leider habe ich keine 60 minuten sondern in meiner Praxis nur einen 20 Minuten Rythmus, der halt solche Spielereien nicht verträgt.

    Denn wenn dann noch ungefähr 15 Minuten braucht bis sie dann locker lässt, plus wieder Anziehen, verabschieden, Termine ausmachen……usw.

    Eigentlich nicht machbar.

    Aber bei 60 Minuten wäre das eine gute Alternative.

    Gruß

    Physioblogger

  4. @Kai:
    Hallo Kai.

    Schön so einen tollen Kommentar zu lesen. Und ich kann und muss dir zu 100% zustimmen. Nur jetzt pass auf:

    Das gleiche ist auch mit Menschen die keine Probleme haben!! Was sagst du denn dazu??

    Da ist genau das gleiche. Ich habe das wegen dem Artikel mal ausprobiert, habe heute schon mit 10 Mitmenschen diesen Test gemacht.

    Der älteste war 60 und die jüngste war 34. Und alle konnten den Arm nicht vollständig entspannen. Obwohl Sie kerngesund waren und solche Phänomene wie du beschreibst nicht haben.

    Was also nun??

    Gruß:

    Physioblogger

  5. Kai sagt:

    Ich verstehe Dein Problem: Genau das ist der Grund, warum ich nicht mehr als Physiotherapeut arbeite. In 20 Minuten ist das verantwortungsbewusst nicht machbar. Ich bin da ein Idealist und will Ursachen behandeln. Die Ursache zu behandeln ist in meinen Augen, wenn man hier in diesem Beispiel dem Patienten das auch erklärt und ihm nicht nur die Symptome entfernt.

    Mein Problem damit war/ist: Man steckt immer zwischen 2 Gewaltpotenzialen von denen man auf die Schnauze bekommt:

    1. Der Arbeitgeber, der die 20 Minuten vorgiebt.
    2. der Patient, der Symptombehandlung will, aber nicht sein Leben umstellen möchte und gerne bereit ist in 6 Monaten/2 Wochen wieder Schmerzen zu haben um sein Leben weiter leben zu können, wie er/sie es gewohnt ist. (Die wenigen Patienten, die auch bereit sind sich zu ändern sind aber zugegeben eine echte Wohltat.)

    Das frustet auf Dauer, weil man von jedem eine aufs Dach bekommt und dabei will man ja nur seinen „Job“ machen und wird immer unzufriedener.

    Liebe Grüße

  6. @Kai:

    Darf ich fragen als was du dann arbeitest??

    Das mit dem Frust kann auch ich vollkommen nachvollziehen. Dennoch ist es mein absoluter Traumberuf.
    Ich bin dabei gerade zu überlegen ob ich mich nicht mit meinem wissen unter die Hundephysiotherapeuten gehe.
    Ist bestimmt total interessant.

    Und die Meckern bestimmt nicht!! hehe…

    Gruß:

    Physioblogger

  7. Kai sagt:

    Hi Physioblogger,

    „Das gleiche ist auch mit Menschen die keine Probleme haben!! Was sagst du denn dazu??“

    Na selbstversätndlich ist das da auch so.

    Der Körper hat Reflexe, die er evolutorisch und Instinktiv befolgt:

    Wenn jemand „körperlich“ keine BEschwerden hat, aber zum Beispiel psychisch in einer Situation steckt, in der sich diese Person nicht wohlfühlt oder nicht sicher fühlt oder was auch immer, dann unterscheidet der das Unterbewusstsein da nicht und versucht zu „schützen“.

    Ich erzähle Dir da sicherlich nichts neues, wenn ich Dich darauf hinweise, daß wenn Gefahr droht in welcher Form auch immer, dann spannt sich der Körper (Muskeltonus und Sehnentonus) an und dadurch ist die Verletzunggefahr geringer.

    Wenn jemand ein Gerichtsverfahren am laufen hat, dann ist das eine psychische Belastung, die nicht zu unterschätzen ist und diese Belastung wird als Gefahr gedeutet und der Körper reagiert. So kommt es zum einen, daß so viele Leute angespannt sind und „glauben“ locker zu lassen.

    Zum anderen sieht es aber auch so aus, daß wir hier in der Gesellschaft mehr oder weniger am verlernen sind, die Zeichen unseres Körpers zu beachten und dadurch den Zugang zur Selbstbetrachtung verlieren. So kommt das, daß auch scheinbar gesunde, die keine „Beschwerden“ haben auch die Selben Symptome haben, die Du beschrieben hast.

    „Darf ich fragen als was du dann arbeitest??“
    Die letzten 4 Jahre war ich selbstständig im Bereich der Unternehmensberatung und Projektierung sowie Konzeptionierung (genau: Realisationsphasenpläne). Du siehst: völlig andere Baustelle 🙂

    Liebe Grüße

  8. smile sagt:

    Hallo,

    auch @Kai manchmal sind auch „Gesunde“ (körperlich) mit einer Grundanspannung versehen, die ihre Gründe z.B. im momentanen Gemütszustand haben können. Auch eine „geistige“ Abwehrhaltung kann zu körperlichen Veränderungen in der Grundhaltung führen, das wird bei dauernder „Einstellung“ dann auch körperlich als normal wahrgenommen. Aus eigener Erfahrung – die „Behandlung“ des vermeintlich normalen Zustandes (hohe Grundanspannung) kann eine wichtige Voraussetzung sein um die gewünschte geistige Veränderung einleiten zu können. Eigentlich logisch wenn man den Menschen mit Körper, Seele und Geist als eine Einheit betrachtet und nicht, sei es auch nur wegen der Arbeitsteilung, als eine Person mit unterschiedlichen „Problemen“.
    Ich bin da kein Fachmann, aber möglicherweise ist da hilfreich was ich mal bei einem Kinderarzt gesehen habe. Wenn man jemanden mit einer anderen Sache beschäftigt, damals sollte das Kind einen Text mit Betonung vorlesen, ist der Konzentrationsfokus auf etwas anderes gerichtet und die gewünschte „Entspannung“ tritt als Nebeneffekt auf.

  9. „Zum anderen sieht es aber auch so aus, daß wir hier in der Gesellschaft mehr oder weniger am verlernen sind, die Zeichen unseres Körpers zu beachten und dadurch den Zugang zur Selbstbetrachtung verlieren.“ (Kai)

    Wie wahr… und wieder was, das ich bei meinen Leuten (in der Ernährngsberatung) auch immer wieder feststellen muss 😦

    lg, nicole

  10. Polly Oliver sagt:

    Ich denke schon, dass es damit zu tun hat, dass man heute ziemlich viel unter Spannung steht und sich gar nicht mehr „richtig“ entspannen kann.
    Was passiert denn, wenn du deinen Patienten bittest, beide Arme locker runterhängen zu lassen und tief ein und aus zu atmen?
    Ich kenne das von meinem Vater so, wenn er mich einrenkt (keine Angst, er ist Orthopäde), dass ich dann vorher tief einatmen und dann wieder ausatmen soll.
    Oder wenn du deine Patienten mit (sorry) belangslosen Fragen ablenkst?
    Ich bin mal bei einem Tierarzt mitgefahren, der hat bei Pferden, von denen er wusste, die springen beim Impfen im Dreieck, angefangen mit sehr sehr lauter Stimme zu reden, irgendwas. „Das tut jetzt gar nicht weh und du hörst nur auf meine Stimme und spürst Spritze gar nicht denn gleich ist es vorbei…“ Das hat immer gut funktioniert. Ist nur leider bei Menschen nicht anwendbar 😉

  11. Kai sagt:

    @Polly Oliver: „Ist nur leider bei Menschen nicht anwendbar “

    Du, das kommt darauf an in welchem „zustand“ der Mensch sich befindet….. *ablach… kugel vor lachen….*

  12. Polly Oliver sagt:

    Naja, ich würde ja schon gern die Gesichter sehn, wenn der Physioblogger auf einmal losbrüllt: „So jetzt hören sie mal nur auf meine Stimme und achten gar nicht darauf, was ich hier mache und hören mir nur zu….!!!“

  13. @Polly Oliver:
    habe mir das gerade bildlich vorgestellt:

    Ich habe selten so gelacht, wie über diese Situation!!

    Gruß:
    Physioblogger

  14. Aki sagt:

    Hi,

    ich glaub das hat was mit den Urinstinkten zu tun. Sich voll entspannen heißt vertrauen, abschalten, sich auf den anderen verlassen … Das können viele nicht, selbst nicht beim eigenen Partner im heimischen Schlafzimmer.
    Ich mag mich eigentlich nicht ausziehen, ich mag nicht angefasst werden, ich bin noch nicht warm … der Geist ist willig, aber der Körper steht auf Flucht.

    lg
    Aki

  15. chefarzt sagt:

    Schutzreflexe, ja, das Problem ist ähnlich wie bei der sogenannten kleinen Hafenrundfahrt im urologischen Jargon …

  16. Mephistophelia sagt:

    Hallo, interessante Diskussion. Meine Frage wäre: wie verhält es sich mit der o.g. Symptomatik bei einer Parese des betroffenen Armes? Denn man soll da ja nicht ziehen…

    Zur Entspannung: ich hatte beim Feldenkraiskurs zum ersten Mal eine wirkliche Idee davon, was es heißt, lockerzulassen. Auf jeden Fall empfehlenswert, auch für die Selbstreflexion.

  17. @Memphistophelia:

    Bei einer Parese des Armes (Lähmung) darf auf keinen Umständen eine Traktion durchgeführt werden!!! Das würde dem Patienten eher noch schaden, da Paretische Extremitäten schon eh zu sogenannten Subluxationen leiden. Besonders die Schulter, denn dies ist ein muskelgeführtes Gelenk!!

    Gruß:

    Physioblogger

  18. Mephistophelia sagt:

    Danke. Ich hatte schon gedacht, ich müsse meine Kenntnisse völlig über Bord werfen. Zum Glück ist bei diesem Patienten die Parese nur schwach ausgeprägt, keine Subluxation, eher der von Dir beschriebene Zustand der Kompression am Schulterdach mit den typischen Schmerzen. Wir haben aber mit (fast ausschließlich aktiver) intensiver Beübung die Schulter fast gut, nur noch selten Schmerzen.

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