Selbstmordgedanken

Veröffentlicht: 11. Dezember 2008 in Allgemeines
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Einmal die Woche kommt ein Patient zu mir der von mir 60min. Lymphdrainage bekommt.

Wir erzählen und erzählen während ich Ihn dabei Lymphe.

Dann sage ich:

Ja, ja das Leben kann einem manchmal ganz schön nerven!

Patient daraufhin:

Da sagst du was, ich hattte es nicht leicht, habe ja schließlich zwei Selbstmordversuche hinter mir.

Totenstille, ich habe gefühlte 10 sec kurzzeitig mit dem Lymphen aufgehört um das ersteinmal geistlich zu verarbeiten, was da soeben gesagt worden ist.

Patient weiter:

Naja, leider waren die beiden Versuche nicht erfolgreich, hatte nur Schmerzen danach.

Ich war immer noch total baff und irgendwie gelähmt, und sagte:

Und wie hast du überlebt?

Patient:

Naja…das erste mal ist der Strick gerissen und das zweite mal wollte ich mir die Pulsadern aufschneiden, aber leider hatte ich Sie quer statt längs aufgeschnitten, so habe ich beide Versuche überlebt.

Okay, das war definitiv zu viel für 9h morgens…und ich setzte total in Trance meine Arbeit fort.

Ich lenkte das Gespräch auf ein freundlicheres Thema, als das Thema durch war.

Ich habe hier einen Menschen auf der Bank liegen, der schon 2 Selbstmordversuche hinter sich hatte? Das musste ich auch erst einmal verdauen, ist ja nicht so das das mir am A……. vorbei geht.

Ich habe nach dem Gespräch ca. 2 Stunden gebraucht bis ich wieder voll bei der Sache war, denn das Gespräch war glaube ich das heftigste was ich jemals geführt hatte.

Man muss dazu sagen, der Patient ist eigentlich ein kleines Würstchen. Keine Frau, keine Kinder, sein Bruder hat so ne kleine Kneipe und seine Schwester ist mit 16 Jahren gestorben. Er hatte es definitiv nicht leicht im Leben.

Gruß:

Physioblogger

Kommentare
  1. aga80 sagt:

    Oh Man das ist ein sensibles Thema , ich weiß nicht wie ich in der Situation reagiert hätte , aber bei sowas ist da schon eher professionelle Psychologische Hilfe angesagt .

    Aber wenn man sich wirklich umbringen will , passieren einen ein gerissener Strick und so ein Pulsadern an ritzen nicht so einfach , vielleicht wahren das ja Hilfeschreie ?

  2. medizynicus sagt:

    Mann, das ist ja heftig!
    Hast Du ihn gefragt, ob er sich vorstellen kann, sowas nochmal zu tun? Wie ist die Sache denn ausgegangen?

  3. completelife sagt:

    Naja, ich wollte da auch nicht weiter rumbohren, da ich ja nicht weiß wie sehr Ihn das Thema beschäftigt. Er sagte zwar es ist schon 25 Jahre her und seid dem ist er nicht mehr auf solche Gedanken gekommen.

    Ich habe danach das Gespräch auf freundlichere Dinge gelenkt.

    Gruß:

    Physioblogger

  4. Kai sagt:

    Grüß Dich Physioblogger,

    ich kann Dir da wirklich sehr gut nachfühlen. Den wenigsten Leuten ist bewusst wie feinfühlig und sensibel man automatisch wird, wenn man ein guter Phyiotherapeut ist. Ich denke das hat einfach damit zu tun, daß man beim behandeln die Aufmerksamkeit auf eine andere Person hochschraubt und so all die kleinen Nuancen wahrnehmen kann um dann diesem Menschen helfen zu können. Solche „Beiläufigkeiten“ hauen dann emotional schlimmer rein als ein direkter Hieb in den Magen.

    Ich habe ein ähnlich intensives Erlebnis gehabt wie Du, daß mir heute noch sehr Nahe geht, weil ich mich bis heute nicht entscheiden kann, ob das überwiegende Gefühl Mitgefühl oder Stolz für das Entgegenbetrachte Vertrauen darstellt.

    Dieses Erlebnis hat mich Wochen innerlich beschäftigt und ich habe da heute (13 Jahre später) immer noch keine Antwort für mich gefunden:

    Mir wurde damals ein Patient in der Neurologie zugewiesen und wo normaler Weise die Diagnose stand, stand nur: „paravertrebaler Muskelhartspann.“

    Ich habe den Patienten also behandelt und wie das so ist unterhält man sich während der Behandlung. Dadurch haben er und ich uns besser kenenngelernt und wie das so als Therapeut normal ist eine Form von persönlicher Vertrauensbeziehung aufgebaut. Du kennst das sicherlich, daß man bei bestimmten Leuten wirklich über alles plaudert.
    Ich glaube es war bei der dritten Behandlung und er und ich hatten uns eine herzliche Art angeeignet, wie wir miteinander umgehen und da fragte ich ihm, einem Bauchgefühl folgend: „Oh, sagen Sie mal, was haben Sie denn eigentlich genau? Ich meine: Normaler Weise steht das immer auf der Diagnosekarte drauf, aber bei Ihnen steht nur, was ich zu behandeln habe und irgendwie versteh ich überhaupt nicht, warum Sie überhaupt hier auf der Neurologie liegen.“

    Daraufhin versteifte er sich ein wenig und sah mich an. *pause* Ich habe richtig gespürt wie er mich taxierte und mich als Person selbst einschätzte. Nachdem er mich ein paar Sekunden abschätzte kam er zu einer Entscheidung und antwortete:
    „Ich habe einen Zitronengroßen inoperablen Hirntumor.“
    BAMM. Ich fühlte mich emotional geschlagen.
    Nun war ich an der Reihe zu schweigen und musste das erstmal verdauen.
    Ich habe, nachdem ich mich von diesem Schockzustand gelöst habe, ihm ehrlich geantwortet: „Wir beide kennen uns inzwischen gut genug, daß ich darauf vertraue, daß es bei Ihnen nicht falsch ankommt, was ich sage: Sie haben mein ehrliches Mitgefühl. Mitleid? Nein. Auf keinen Fall. Aber ich empfinde wirklich Mitgefühl für Sie.“

    Daraufhin hat er sich vollkommen entspannt und gestand mir: „Das ist der Grund, warum ich sie eben versucht habe einzuschätzen. Ich unterscheide auch zwischen Mitleid und Mitgefühl. Ich will kein Mitleid. Das widert mich inzwischen an und ich wollte unsere Basis nicht verlieren, die wir inzwischen aufgebaut haben.“

    Wir unterhielten uns dann ganz offen darüber wie er damit umgeht und was sinnvoll (wirklich wichtig) ist und was unwichtig ist. Er gestand mir dann am Ende, daß er mit der Krankheit selber gut umgehen kann. Auch mit dem Wissen, daß er nur noch höchstens 6 Monate zu leben hat. Womit er aber wirklich schlecht umgehen kann ist das Wissen seine 6 jährige Tochter nicht aufwachsen zu sehen.

    Das war mein heftigstes Erlebnis wo ich die Grenze zwischen Privat und Beruf überschritten habe und auch gemeinsam während der Behandlung mit einem Patienten auf Vertrauensebene Tränen kullern liess aus Dankbarkeit für das Vertrauen und die Erhlichkeit die wir in einem herzlichen Umgang miteinander fanden. Ohne Mitleid….. sondern nur die Sache betreffend auf zwischenmenschlicher Ebene…..

    Ich könnte nun noch seiten weiter beschreiben… aber wozu? Es sind Gefühle. Entweder man kann es nachvollziehen oder eben nicht. Da ändern auch 1000 weiter geschriebene Seiten nichts mehr weiter daran.

    Liebe Grüße

    Kai

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